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Kann Geothermie in der Region sicher genutzt werden?

In der Region fühlen sich etliche Akteure von den Elsässer Projekten inspiriert

Hitze und Energie des Erdkerns sind in der Region nahe, das Potential für Geothermie groß, umgesetzt wurde praktisch noch nichts: Geothermie ist seit den zerstörerischen Folgen einer misslungenen Bohrung in Staufen ein Schreck-Gespenst. Immerhin erschien Ende vergangenen Jahres auf Anregung und mit Unterstützung des baden-württembergischen Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft ein „Handlungsleitfaden Tiefen-Geothermie“. 2017 wurden klarere gesetzliche Rahmenbedingungen für die Ausbeutung geothermischer Energie geschaffen.

Ganz vorsichtig traut man sich in der Region, die einst Vorreiter in Sachen erneuerbare Energien war, wieder an das Thema heran. „Zehn Jahre später ist die Technologie viel ausgereifter, und wir wollen uns wieder mit dem Thema Geothermie befassen“, sagt Klaus Preiser, Leiter der Badenova-Wärmeplus auf Anfrage. „Wir stehen aber noch lange nicht vor einer Investitionsentscheidung“. Er und seine Mitarbeiter befassen sich mit den Projekten im Elsass: „Wir lernen gerade von den Franzosen, und interessieren uns für ihre Wege zu einer erfolgreichen und sicheren Nutzung“, sagt Preiser. Denn auf der anderen Rheinseite wird ein Projekt nach dem anderen umgesetzt.

Ähnliche Töne – vorsichtig aber interessiert – kommen aus dem Freiburger Umweltschutzamt.  „Die Stadt wird sich in den kommenden Jahren mit Tiefen-Geothermie befassen“, sagt der Leiter Klaus von Zahn. „Das Klimaschutz-Konzept, das wir gerade erarbeiten, zeigt auf, dass wir vermutlich Geothermie benötigen, um bis 2050 Klima-Neutralität zu erreichen“. Voraussetzung sei aber, dass sich die Technologie so weit entwickle, dass Schaden für Gebäude und Umwelt ausgeschlossen seien. Auch von Zahn sieht in den Elsässer Projekten dafür gute Ansätze.

Wie tief der Schrecken über Staufen noch sitzt, und auch über das Erdbeben nach Bohrungen in Basel kurz davor, zeigen die Konflikte um geplante Bohrungen in Neuried. Schon gegen die Versuchs-Bohrungen hatte sich sofort eine Bürger-Initiative gegründet, die Stadt Kehl klagte. Gerade erst wurde wieder ein Genehmigungsverfahren eingeleitet, zwecks der Vorbereitung für eine Suchbohrung (die wiederum neu genehmigt werden müsste).

Axel Brasse, Leiter der Landes-Bergdirektion imFreiburger Regierungspräsidiums, stellt zunächst eines klar: „In Staufen handelte es sich nicht um ein tiefengeothermisches Projekt“. Seine Behörde prüft Sicherheit und Umwelt-Verträglichkeit von Bergbau-Projekten (und ein solches sind geothermische Bohrungen). Er selbst ist Bergbau-Ingenieur.

Er hätte gerne bessere Daten den Untergrund betreffend. Aber: „Hier in der Gegend scheint es noch nicht einmal möglich zu sein, vorbereitende Untersuchungen für 3-D-Seismiken durchzuführen, so groß ist der Widerstand der Bevölkerung“, stellt er fest. Eine 3-D-Seismik liefert ein dreidimensionales Bild des Untergrunds, dem beispielsweise zu entnehmen wäre, wo Klüfte mit heißem Wasser sein könnten. Sie wird mit einer speziellen Form von Echoloten, sogenannten Geophonen, hergestellt. Besonders interessant sind Heißwasser-Reservoire, wie sie beispielsweise ein Projekt im elsässischen Rittershofen nutzt: Dem ca. 170 ° heißen Wasser in 2,5 km Tiefe wird die Wärme entzogen und für industrielle Prozesse genutzt.

„Die gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf unserer Rheinseite“, sagt Brasse. Denn geologisch sind die beiden Regionen im Prinzip Spiegelbilder. Die verschiedenen Thermalbäder sind bisher die einzige Nutzung geothermischer Energie – das dafür schon sehr lange: Bereits die Römer nutzten sie in Badenweiler.  Eine kleine Anlage in Bruchsal, die seit 2009 etwa 1200 Haushalte mit Strom versorgt, geht auf eine Erkundungsbohrung von Coca-Cola im Jahr 1979 zurück, bei der überraschend Thermalwasser gefunden wurde.

Schon mit Temperaturen ab 60 °C (also 20 ° mehr als im Eugen-Keidel-Bad) könnte Klaus Preiser etwas anfangen: „Das reicht in vielen Fällen für Wärmenetze – besonders für neue Wärmenetze z.B. in verdichtet bebauten Neubaugebieten“. Wärmenetze gibt es in Freiburg bereits Etliche: Landwasser, Weingarten, Vauban, Industriegebiet Nord. Um Geothermie für Bestandswärmenetze oder für industrielle Prozesse nutzen zu können, sollte das Wasser heiß sein, und aus größeren Tiefen kommen. „Aber“, sagt Preiser, „Tiefengeothermie-Projekte werden wir nur dort entwickeln, wo es erstens eine Chance auf Wirtschaftlichkeit gibt und zweitens, wenn sie in der jeweiligen Bürgerschaft Akzeptanz finden.“

Anders gesagt: Von einer Versorgung des zukünftigen Baugebiets Dietenbach mit Geothermie will in Freiburg vorerst niemand etwas hören – obwohl das Gebiet einen Plusenergie-Standard erreichen soll (also mehr Energie erzeugen als verbrauchen soll), und Geothermie das mit gewährleisten könnte.

Dabei hatte die Badenova 2006 bereits mehrere Konzessionen für Voruntersuchungen (noch nicht Bohrungen) in etlichen Gebieten. Sie hat etliche Studien erstellt, die jetzt in den Schränken des Unternehmens und der jeweiligen – zunächst durchaus interessierten Gemeinden – lagern. Denn es kamen die beiden GAUS in Basel und in Staufen. „Und die Leute haben das in einen Topf geworfen, obwohl das jeweils ganz unterschiedliche Technologien sind“.

Was war passiert? In Basel löste Fracking in 5000 m Tiefe 2007 mehrere Erdbeben in Stärke von bis zu 3,4  auf der Richterskala aus, die es bis ins Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schafften. Das Projekt wurde aufgegeben. In Staufen hingegen wurde das nicht gewährleistet, was Axel Brasse die „Integrität der Tiefenbohrungen“ nennt. „Ob das Rohr während der Bohrungen und des Betriebs dicht bleibt, ist eine entscheidende Frage“, sagt er. In Staufen blieb es das nicht, so dass Grundwasser in eine Gipskeuperschicht geleitet wurde, was zu den bekannten Schäden führte.

Brasses Aufgabe ist u.a. der Schutz des Grundwassers und des Untergrunds vor schädigenden Eingriffen. Die Qualität von Bohrungen und Rohren sind dafür von entscheidender Bedeutung: „Das aus großer Tiefe geförderte Wasser ist meist sehr salzig und korrosiv“, weiß er. Und gehört genau dort auch wieder hin, und nicht in Oberflächengewässer. Was die Bohrungen angeht, so Brasse, sei die Industrie, was die Einhaltung von Normen und Bauregeln angeht, „durchaus noch in der Lernkurve“.

Einer der regionalen Player in Deutschland ist Herrenknecht vertikal, ansässig in Schwanau. Dort istman auf das Thema „Geothermie am Oberrhein“ nicht wirklich gefasst: „Da haben wir kein Statement parat“, so die Pressesprecherin Cornelia Lietzau. Um München herum wurde 2012 und 2013 mit Geräten von Herrenknecht vertikal gebohrt, bis zu 5 Kilometer tief – ohne Erdbeben oder andere Komplikationen, aber der Münchner Untergrund ist auch ein anderer als der am Oberrhein. Geothermische Anlagen versorgen beispielsweise in Kirchweidach 13.000 Haushalte mit Strom und Wärme, und Gewächshäuser mit Wärme. Bisher sieht man bei Herrenknecht im Ausland größere Chancen für Aufträge als in der Region, setzt derzeit auch Projekte in den Niederlanden und Finnland um.

Im Elsass ist vor allem das auf die Erschließung erneuerbarer Energien spezialisierte französische Unternehmen Fonroche tätig. Es arbeitet mit Rohren, die aus mehreren Schichten Stahl und Beton bestehen – Standard auch in Deutschland. Messsysteme um jede Anlage herum zeichnen rund um die Uhr alle Erdbewegungen und Beben auf. Bernard Kempf von „Électricité de Strasbourg“, dem Betreiber der Anlage in Rittershofen, ist stolz auf das Messsystem. Ab Beben der Magnitude 2 würde die geothermische Anlage automatisch ausgeschaltet. Als eine weitere wichtige Errungenschaft betrachtet er die Beweislastumkehr: Sollten je Schäden entstehen, müssten nicht die Geschädigten beweisen, dass diese Folge des geothermischen Betriebs sind, sondern Électricité de Strasbourg müsste beweisen, dass dies NICHT der Fall ist.

Seit 2017 gilt die Beweislastumkehr in Deutschland auch für geothermische Bohrungen und nicht nur für Bergbau-Projekte (zu denen geothermische Nutzungen gehören). Außerdem werden Betreiber von geothermischen Bohrungen verpflichtet, eine Versicherung abzuschließen für den Fall von Schäden, die sie selbst nicht finanziell in der Lage sein sollte, diese auszugleichen.

Klaus Preiser erhofft sich davon fühlbar und erkennbar größere Sicherheit für alle, die in der Umgebung geothermischer Anlagen leben. Die Sicherheits-Vorkehrungen im Elsass überzeugen Klaus Preiser: „Da ist viel für die Akzeptanz getan worden“, sagt er. Und bricht eine Lanze für die Energie-Wende: „Dass sie in Bezug auf Strom funktionieren kann, erfahren gerade alle, aber wir müssen uns fragen, wo denn die grüne Wärme herkommen soll.“ Über 50 % der In Baden-Württemberg benötigten 280 Twh Energie (Stand 2015) Energie werden derzeit für die Wärmeversorgung benötigt.

Der Leiter des Umweltschutzamtes Klaus von Zahn ist ähnlich angetan von den Ansätzen im Elsass: „Die neueren Anlagen sind auf einem deutlich aktuelleren Stand als ältere Anlagen. Die Wahrscheinlichkeit von Folgen erscheinen auf ein Minimum reduziert.“ Könnte Freiburg also wieder Vorreiter werden? „Ja, aber die regionalen und landesweiten Rahmenbedingungen müssen unterstützend sein.“ Er wünscht sich politische Unterstützung aus Land und Bund, und Partner, die bereits Erfahrungen und Know-How mit geothermischen Projekten haben.

Von Zahn könnte sich auch eine Zusammenarbeit mit Frankreich vorstellen – etwa im für Fessenheim angedachten deutsch-französischen Industrie-Park, der nach Abschalten des AKW kommen soll. Trotz seines interessierten Blicks über den Rhein wehrt sich von Zahn aber gegen die Anmutung, im Elsaß sei man inzwischen grundsätzlich mutiger und moderner: „Auf der linken Rheinseite gibt es dafür keine Windräder – das ist ja auch irrational. Insofern muss wohl auf beiden Rheinseiten noch Überzeugungsarbeit geleistet werden.“

 

INFOS ZUM THEMA GEOTHERMIE

Geothermie – Erdwärme – kann unterschiedlich genutzt werden. Oberflächennahe Geothermie (wie in Staufen) kann Heiz- wie Kühl-Systeme versorgen. Sie wird bereits ausgiebig genutzt, vor allem für Bürogebäude aber auch – über Wärmepumpen – für Privatgebäude. Die Kühlung der Universitäts-Bibliothek ist geothermisch: Schlicht indem kühles Grundwassers durch dünne Schläuche im Boden geschickt wird. Tiefengeothermie nutzt die höheren Temperaturen näher am Erdkern: Wenn das unterirdische Wasser über  140°C hat, kann es als Wasserdampf zur Stromerzeugung genutzt werden; oder es wird genutzt um Wärme für Wohnungen oder industrielle Prozesse zu verwenden. Ab etwa 2000 Meter Tiefe hat das Wasser hier in der Region 100°C oder mehr. Die Bohrung fürs Eugen-Keidel-Bad ist 600 Meter tief, das Wasser  40°C heiß. Fracking (also das Herstellen oder Erweitern von Felsklüften, um Reservoire zu vergrößern), ist in Deutschland zwar nicht vollständig verboten, in Baden-Württemberg aber zwecks Grundwasser-Schutzes de facto ausgeschlossen.

 

http://www.tiefegeothermie.de/top-themen/neue-gesetzesregelungen-fuer-die-tiefe-geothermie

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